Schutzgut Wechselwirkungen

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Allgemeines

Das wesentlichste ökologische Grundprinzip ist das der Wechselwirkungen in den Ökosystemen. Diese Wechselwirkungen werden bei der Einteilung in einzelne Schutzgüter wie Boden, Klima oder Pflanzen und Tiere nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Deshalb sind die Wechselwirkungen zwischen den Schutzgütern sowohl im BauGB als auch im UVPG als eigenes Schutzgut aufgeführt, bzw. im Bundesnaturschutzgesetz das Wirkungsgefüge zwischen den Naturgütern. Wechselwirkungen müssen somit auch Gegenstand der Umweltprüfung sein (vgl. BauGB § 1 (6) 7. und UVPG § 2 (1) 3.).

Doch steht diesem sehr zu begrüßendem, weil ökologischem Ansatz eine völlig unzureichende Praxis gegenüber. Betrachtet man vorhandene Pläne, so stößt man nahezu ausschließlich auf Trivialaussagen oder ausweichende Formulierungen. Trivialaussagen sind etwa die, dass die Bodenbildung vom Wasserhaushalt, dem Klima und der Vegetation beeinflusst wird, während der Boden seinerseits die Vegetation oder die Versickerung der Niederschläge mitsteuert. Auch Matrizen zu den Wechselwirkungen der Schutzgüter wie die unter [1] kommen nicht über Schulniveau hinaus.

Ausweichende Formulierungen sind vom Typ: „Die schutzgutbezogenen Erfassungskriterien beinhalten bereits planungsrelevante Informationen über die funktionalen Beziehungen zu anderen Schutzgütern. ... Auf eine umfassende Darstellung einzelner Wechselwirkungen wird, um den Umweltbericht auf das Wesentliche zu begrenzen und Redundanzen zu vermeiden, verzichtet" (aus [2]).


Theorie und Praxis

Die angesprochene Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ist dadurch begründet, dass eine Definition des Begriffs „Wechselwirkungen“ im UVPG nicht bzw. wenig griffig gegeben wird. Es heißt lediglich als Anmerkung im Anhang zu Artikel 5 Absatz 1 der Richtlinie 97/11/EG, dass sich die Wechselwirkungen "auf die direkten und die etwaigen indirekten, sekundären, kumulativen, kurz-, mittel-, langfristigen, ständigen und vorübergehenden, positiven und negativen Auswirkungen des Vorhabens erstrecken sollten".

Das Ministerium für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein bemüht sich um Präzisierung: "Unter Wechselwirkungen im Sinne der EG-Richtlinie und des UVP-Gesetzes lassen sich erhebliche Auswirkungsverlagerungen und Sekundärauswirkungen zwischen verschiedenen Umweltmedien und auch innerhalb dieser verstehen, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung addieren, verstärken, potenzieren, aber auch vermindern bzw. sogar aufheben können. Die Wirkungen lassen sich anhand bestimmter Pfade verfolgen, aufzeigen und bewerten oder sind bedingt als Auswirkungen auf das Gesamtsystem bzw. als Gesamtergebnis darstellbar. Als Eingangsgrößen zur methodischen Erfassung von Wechselwirkungen sind zum einen die vom Projekt auf die Umweltmedien gerichteten Auswirkungen, zum anderen die zwischen den Umweltmedien und ihren Teilkomponenten vorhandenen Wechselbeziehungen relevant" (zitiert in [3]). Hilft diese wissenschaftliche Steigerung dem Praktiker?

Um einen Ausweg aus dem Dilemma zu fnden, lies das Umweltbundesamt bereits im Jahre 2001 den Forschungsbericht "Entwicklung einer Arbeitsanleitung zur Berücksichtigung der Wechselwirkungen in der Umweltverträglichkeitsprüfung" [4] erstellen. In diesem Bericht werden die rechtlichen und naturwissenschaftlichen Grundlagen angesprochen, UVP-Praxisbeispiele dargestellt, Begriffe erklärt und Forschungsansätze skizziert. Die eigentliche Arbeitsanleitung spricht dann die Form zur Berücksichtigung der Wechselwirkungen an - von der Beauftragung des Gutachterteams und der Feststellung des Untersuchungsrahmens über die Beschreibung der Umwelt und die Benennung der Indikatoren bis zur medienübergreifenden Prognose der Auswirkungen, der Bewertung und der Dokumentation. Dies ist verfahrensmäßig gut, zumal durch "Leitfragen" das Augenmerk auf wichtige Aspekte gelenkt wird. Doch eine konkrete inhaltliche Hilfestellung derart, dass für bestimmte Wirkungen bzw. Wirkketten aussagekräftige Indikatoren, verfügbare Daten, geeignete Erfassungsmethoden oder gar Bewertungskriterien genannt würden, kann das Gutachten nicht geben. Verständlicherweise, denn Umweltverträglichkeitsprüfungen sind zu völlig unterschiedlichen Anlagen zu erstellen, von der Straße bis zum Kraftwerk. Und Verfahren wie die "ökologische Wirkungsanalyse" (nach BIERHALS E. KIEMSTEDT H. & H. SCHARPF 1974: Aufgaben und Instrumentarium ökologischer Landschaftsplanung. Raumforschung und Raumordnung 32 (2): 76-88) könen auch nur die Methode liefern, nicht die ökologischen Kenntnissem die Daten und die Wertkriterien. Eine praxisnahe Ökosystemforschung (bzw. [5]) gibt es zudem im Grunde nicht (mehr).


Konsequenzen für die Landschaftsplanung

Für die Landschaftsplanung stellt sich die Situation zum Glück etwas besser dar. Hauptsächlich, weil sich die praktische Arbeit nicht auf die gesamte Umwelt bezieht, die rein technischen Aspekte etwa der Anlagenprüfung anderen Fachdisziplinen überlassen sind und die Schutzgüter der menschlichen Gesundheit und der Sachgüter nur indirekt angesprochen werden. Zudem, weil es im Bundesnaturschutzgesetz im § 1, Abs. 3 einen wesentlichen Hinweis gibt: "Zur dauerhaften Sicherung der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes sind insbesondere ... die räumlich abgrenzbaren Teile seines Wirkungsgefüges im Hinblick auf die prägenden biologischen Funktionen, Stoff- und Energieflüsse sowie landschaftlichen Strukturen zu schützen".

Verweist die Formulierung der räumlich abgrenzbaren Teile des natürlichen Wirkungsgefüges nicht auf die früher praktizierten ganzheitlichen Ansätze, wie die der Naturräumlichen Ordnung, der Standortkartierung oder die "planungsrelevanten ökologisch begründeten Landschaftseinheiten", die nach der 2. Ausführungsverordnung von 1977 zum Landschaftsgesetz NRW in der Grundlagenkarte II der Landschaftspläne auszuweisen waren? Eine treffende aktuelle Begründung dafür findet man z.B. auf der Website der Stadt Mühlheim a. d. Ruhr [6]: "Ökologisch begründete Landschaftseinheiten (LE) sind Gebiete, die innerhalb ihres Areals gleiche oder ähnliche natürliche Gegebenheiten aufweisen und gleichartig auf Eingriffe in den Naturhaushalt reagieren. Bei den natürlichen Gegebenheiten handelt es sich um die Landschaftsfaktoren Gestein, Relief, Boden, Wasserhaushalt, Geländeklima, Vegetation und Tierwelt, die in ihrer Gesamtheit und in ihrem Zusammenwirken den Naturhaushalt ausmachen. Ändern sich die Landschaftsfaktoren, so liegt an dieser Stelle eine ökologische Grenze vor, die zwei verschiedenartige Landschaftseinheiten voneinander trennt".

Diese Ansätze gehen davon aus, dass sich in den natürlichen Strukturen der Naturräume die darin wirkenden Prozesse in ihrem Gesamtgefüge niederschlagen und sich somit räumliche Ökosysteme gegeneinander abgrenzen und charkaterisieren lassen. Die Kartierung im Gelände erfolg(te) mittels Indikatoren zu Boden, Klima, Relief, Wasser- und Nährstoffhaushalt unter Nutzung von Schnellmethoden v.a. der Bodenkartierung und mit Zeigerpflanzen. Im Zeitalter von GIS wurde diese ganzheitlich-ökologischen Verfahren als antiquiert verworfen und durch Überlagerung isoliert gewonnener Daten in jeweils individuellem Kontext, zumeist unterschiedlichen Maßstäben und ohne unmittelbar funktionale Gesamtbetrachtung abgelöst - Geometrie statt Ökologie!

Ein "Back to the roots" wäre empfehlenswert. Denn die unterschiedlichen ökologische Raumeinheiten spiegeln ja jeweils die konkreten, örtlich unterschiedlichen Wechselwirkungen zwischen Wasser, Boden, Klima, Pflanzen und Tieren, die oben als "trivial" abgewertet wurden (weil nur die Prinzipien nennenden), können für jede Raumeinheit zu Realaussagen werden. Der nächste Schritt ist der zu Aussagen hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen den Einheiten im Sinne von z.B. Wasser- oder Kaltluftabfluss, Erosion und Akkumulation, die sich aus der Vergesellschaftung im Standortkomplex ergeben. Ergänzt durch die Realnutzung bzw. die Biotopstrukturen sind zudem biologische Interaktionen (Nahrungs-, Rast-, Laich-, Überwinterungs-, Wander- u.a. Funktionen) in diese Funktionsbeschreibung relativ leicht aufzunehmen.

Insgesamt sind aus landschaftsökologischer Sicht Aussagen zur Eignung und zur Belastbarkeit möglich, die über die Erfassung und Bewertung der einzelnen Schutzgüter und deren Aggregation im Sinne einer Risikoanalyse ergänzend hinausgehen. Wirkungsanalysen im "technischen" Sinne (z.B. Ausbreitung und Komplexwirkung von Schadstoffen) können aber selbstverständlich nicht ersetzt werden. (Du)

Literatur, Links und Datenquellen (speziell Baden-Württemberg)

  • Balla S. & K. Müller-Pfannenstiel: ´Wechselwirkungen´ in planerischer und behördlicher Praxis, UVP-report 4+5, 1997
  • Die Ministerin für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein: ´Wechselwirkungen´ in der Umweltverträglichkeitsprüfung. Von der Begriffsdefinition zur Anwendbarkeit, 1994
  • Durwen, K.-J., F.Weller, Chr. Tilk, H. Beck, A. Beuttler & S. Klein (1996): Digitaler Landschaftsökologischer Atlas Baden-Württemberg. Hrsg.: IAF, Ministerium Ländlicher Raum u. Umweltministerium B.-W. CD-ROM mit 37 Karten (1 : 200.000), 50 S. Hypertext, 21 Tab., 2 Abb. sowie Booklet. -- Darin auch Übersicht über Standortkarten in Maßstäben zwischen 1 : 5.000 bis 1 : 50.000 in B.-W.
  • Haase, G. (1967) Zur Methodik landschaftsökologischer und naturräumlicher Erkundung. In: Wiss. Abhandlung Geograph. Gesellschaft der DDR 5(1967a) 35-128
  • Peters, H.-J.: Zum umweltrechtlichen Begriff der Wechselwirkungen, UVP-report 4+5, 1997
  • Rassmus, J., H. Brüning, V. Kleinschmidt, H. Reck & K. Dierßen: Entwicklung einer Arbeitsanleitung zur Berücksichtigung der Wechselwirkungen in der Umweltverträglichkeitsprüfung, Umweltbundesamt Berlin, 2001 (Download unter http://www.gfn-umwelt.de/publikation/endbericht.pdf
  • Waffenschmidt Chr. & M. Potschin: Wechselwirkungen bei Umweltverträglichkeitsprüfungen, UVP-report 2, 1998
  • Weller, F. (1990): Ökologische Standorteignungskarte für den Landbau in Baden-Württemberg 1 : 250.000. Hrsg.: Min. f. Ländl. Raum, Ernähr., Landwirtschaft u. Forsten B.-W., Stuttgart: 70 S. + 2 K.
  • Weller, F. & K.-J. Durwen (1994): Standort und Landschaftsplanung - Ökologische Standortkarten als Grundlage der Landschaftsplanung. Landsberg. 174 S. , 11 Tab., 95 Farb-Abb., Anlagekarte 1 : 350.000

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