Siedlungsentwicklung

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In der „Neolithischen Revolution“ vor rund 20.000 Jahren wurde nicht nur erstmals aktiv und großflächig die Landschaft für Ackerbau und Viehzucht umgewandelt, es entstanden auch Dörfer als feste Siedlungen. Erstmals spielte der bei Jägern und Sammlern unbedeutende Besitz von Land und "Immobilien" eine entscheidende soziale Rolle.

Stand anfangs bei wachsender Bevölkerung genug Land für Aussiedlungen zur Verfügung, so kam es zunehmend zur Konkurrenz. Ein geeignetes Mittel der Konkurrenzvermeidung war und ist die Spezialisierung, etwa mit der Zucht von Rindern oder Pferden innerhalb der Landwirtschaft. Doch auch Handwerke entstanden, etwa zur Herstellung von Töpferwaren, Lederwaren oder Werkzeugen und damit der Tauschhandel. Diese Entwicklung schlug sich nieder als neue Siedlungsform, der Stadt: Größere und möglichst befestigte Siedlungen waren zentrale Handelsplätze, bester Sitz für Handwerker und Verteidigungsanlage. Insbesondere waren die Städte prädestiniert für die gemeinsame Durchführung religiöser Kulte und für die mit dem Bevölkerungs- und Kulturwachstum notwenige Organisation, Verwaltung und Politik.

„Politik“ beinhaltet im Namen den Kern dieses zweiten großen historischen Wechsels. Denn „Polis“ heißt Stadt. Die die „Stadtstaaten“ (die sich z.T. später zu Weltreichen ausdehnten) von Troja über Athen, Sparta, Theben bis Karthago oder Rom sind bekannt. Mit den Städten entstanden neue Gesellschaftsformen. Zum städtischen Zusammenleben wurde Fragen des Rechtes, der Staats- und Lebensführung (Ethik und Philosophie) bedeutend. Architektur und Kunst blühten, Handel und Produktion waren die Wege zu Geld (das man erfand) und Macht und bedurften ihrerseits der Wissenschaft und Technik (z.B. für Schiffsbau, Navigation, Logistik). Dazu wiederum war Bildung eine Voraussetzung, die erst durch wandernde Lehrer (Sophisten), dann in Gymnasien und Akademien verbreitet wurde. Städte wurden zu Macht-, Handels- und Kulturzentren.

Über Jahrtausende waren aber die Städte, von Ausnahmen abgesehen, mehr oder minder klein und lagen wie Inseln in der Agrarlandschaft; mehr schlecht als recht durch wenige Verkehrswege verbunden.

Dann kam es zur völligen und tatsächlich erstmals auch weltweiten Umwandlung der Gesellschaften und deren Umwelt. Nämlich in der „Industriellen Revolution“ im Zuge der Erfindung der Dampfmaschine nach 1800. Dadurch wurden die fossilen Energieträger in ungeahnter Dimension nutzbar gemacht, die Welt grundlegend wirtschaftlich, sozial, „ökologisch“, kulturell und ethisch verändert. Neben einer enormen Entwicklung von Technologie, Produktivität und Wissenschaften war auch Massenelend kennzeichnend. Typisch auch die Entwicklung vieler Städte von zentralen Handels- und Verwaltungskernen zu gesichtslosen Industrie- und oft Slumansammlungen.

Landschaften wurden und werden rücksichtslos durch Bergbau, Verkehr, Deponien, Gewässerregulation usw. ausgebeutet. Immer weiter ausufernde Industrie- und Siedlungsbreie lassen oft kaum noch Orts- und Stadtgrenzen erkennen. Immer dichtere Verkehrsnetze (erst Bahn, dann immer mehr Straßen und schließlich Flugplätze), industrialisierte Landwirtschaft, Tier-Massenhaltung, Luft- und Wasserverschmutzung usw. gingen und gehen (extrem in den "Schwellenländern") Hand in Hand mit dieser Industrialisierung und Zersiedlung. Viel Städte sind Ansammlungen funktional getrennter Stadtteile für Wohnen, Arbeiten, Handel, Verwaltung, Bildung usw.. Und alles funktioniert nur und wird zugleich dominiert durch den (Individual-)Verkehr. Denn erst mit dem Aufkommen des motorisierten Verkehrs konnte sich dieser Stadttyp der räumlich getrennten Funktionen und weit ins Umland greifenden Vororten entwickeln.

Die in Jahrhunderten gewachsene Siedlungsstruktur hat sich seit der Industrialisierung radikal verändert. Die flächensparsamen Städte und Dörfer mit ihren bescheidenen, dem nichtmotorisierten Verkehr dienenden Verkehrswegen haben sich zu einer auseinanderfließenden Siedlungslandschaft gewandelt, die durch immer aufwändigere Verkehrstraßen zusammengehalten werden muss. Dies ist das Siedlungssystem der Gegenwart.

Gegenwart aber ist auch die ebenfalls revolutionäre Entwicklung zur so genannten Informationsgesellschaft. Denn durch die „neuen Medien“ ergab und ergibt sich erneut ein globaler Umbruch in allen Lebensbereichen.

Was konkret die Ergebnisse dieses Prozesses, in dem wir selbst leben, sein werden, wird man erst rückblickend sagen können. Doch wie aus früheren Handels- und Handwerksstädten mit Arbeit und Wohnen zumeist im gleichen Haus, Einkauf auf dem Stadtmarkt, Schule, Erholung u.a. andere in fußläufiger Entfernung Industriemetropolen und zuletzt Dienstleistungszentren wurden, so werden diese Urbanisationen sich mit Sicherheit erneut funktionsgerecht wandeln. Aber wie?

Werden es Lebensstätten mit neu definierter Qualität, mit dem Rückbau der Bürozentren, Banken und Gewerbegebiete, mit abnehmenden Verkehrs- und Umweltproblemen? Werden es gar Kultur- und Freizeit-, statt Arbeitszentren?

Für Mitteleuropa kann ein solches Szenario durchaus entworfen werden, wenn man an die hochschnellende Zahl der häuslichen Bildschirmarbeitsplätze, an Homebanking, „virtuelle Hochschulen“, „digitale Behördengänge“, Online-Einkäufe und dergleichen einerseits denkt, und einen immer größeren Anteil nicht mehr im Erwerbsleben stehender, jedoch aktiver und finanzkräftiger älterer Menschen mit ihren Ansprüchen und Möglichkeiten andererseits.

Muss man noch zum Büroturm fahren, um dort vor dem Rechner zu sitzen, der am gleichen globalen Netz hängt wie der heimische PC? Große Teile der Berufstätigen bei Banken, Versicherungen, in Verwaltungen usw. verbringen nahezu ihre gesamte Arbeitszeit vor dem Bildschirm. Natürlich muss es eine gewisse persönliche Kommunikation geben, doch nicht tagtäglich. Letztlich fahren Millionen durch Staus in Innenstädte, nur um vor dem Dienst- statt dem Privat-PC zu sitzen. Nehmen wir einmal an, Millionen Berufstätige müssten nur mehr an zwei Tagen pro Woche die Fahrt zur alten Arbeitsstätte auf sich nehmen, ansonsten die Vorgänge zuhause abwickeln. Was wären die Folgen? Eine enorme Reduzierung der Umweltbelastung, eine – auch finanziell – deutliche Kostenersparnis, ein bedeutender Gewinn an Zeit und Lebensqualität durch ersparte Autofahrten. Doch nicht nur Straßen und Menschen würden entlastet. Auch die Bürotürme müssen ja gebaut, beheizt, klimatisiert werden. Der Flächenverbrauch wäre leicht zu stoppen, könnte (die Investoren werden es zu verhindern suchen) sogar rückläufig werden.

Dies ist nur ein Szenario, doch ist es unrealistisch? Kann es nicht zum Leitbild einer neuen Siedlungsentwicklung werden, in der Wohn- und Lebensqualität ein Hauptkriterium ist?

Man kann zumindest diesen Weg schon längst planerisch einschlagen. U.a. durch den ökologisch orientierter Umbau innerhalb der bestehenden Siedlungsgebiete statt einer weiteren Zersiedlung durch immer neue Flächenerschließungen an den Stadträndern. Die Funktionstrennung (Wohnen, Arbeiten, Kaufen, Freizeitbeschäftigung usw.) kann verbunden mit dem Ausbau des ÖPNV "rückgebaut" werden. Durch das Vernetzten ökologisch wirksamen Freiflächen und der Schaffung durchgrünter Siedlungsräume schafft man größere Lebensqualität, die ein wesentlicher Standortfaktor wird, weil viele oft "zuhause" arbeiten und nicht mehr nur in Vorstädten übernachten und ansonsten pendeln und in Zweckbauten arbeiten. Durch regionale Kreislaufwirtschaft, der Förderung regionaler Produkte und die Qualitätssteigerung für die Naherholung wird Verkehr reduziert und regionale Identität gestiftet. Die Siedlungsentwicklung ist der Spiegel von Kulturen und Regionen, nicht reine Bautätigkeit. (Du)


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